Von wegen Sangria: Junge Winzer sorgen dafür, dass auf Mallorca Qualitätswein produziert wird. VON HANNS O. JANSSEN
Mallorcas Wein-Szene hat in den letzten zehn Jahren einen gewaltigen Satz nach vorn gemacht. Traditionelle Weinbaubetriebe orientieren sich an europäischen Vorzeigeweingütern, versuchen neben Quantität auch Qualität zu produzieren. Doch den Vogel schießen „junge Wilde" ab, die sich als Newcomer vom Weinbau magisch angezogen fühlen.
Mallorca ist ein fruchtbarer Landstrich, bietet klimatisch beste Voraussetzungen für den Weinbau. Das erkannten schon Phönizier, Mauren und Römer. Fama est: Sie sollen den Weinanbau vor mehr als 2000 Jahren auf die Insel gebracht haben. Laut einheimischen - nicht sehr zuverlässigen - Quellen standen Ende des 19. Jahrhunderts 27 000 Hektar unter Reben. Die Qualität dieser Weine ließ jedoch stets zu wünschen übrig, und um 1900 läutete die Reblaus das vorläufige Finale ein. Für den Weinbau bedeutete dies: Schluss, aus, vorbei.
Nach etwa 50 Jahren rappelten sich die Winzer mühsam wieder auf - mit schwachen Ergebnissen. Im Gegensatz zur önologischen Entwicklung auf dem spanischen Festland, in Bordeaux, Italien oder deutschen Gauen hinkten Mallorcas Winzer gewaltig hinterher. Bis die „jungen Wilden" kamen - von da an ging es bergauf.
Derzeit dürften etwa 2000 Hektar unter Reben stehen - davon zirka 700 Hektar mit amtlichem Qualitäts-Status. „Denominacion de Origen". Diese Do-Bereiche - vergleichbar mit unsere QbA-Norm - sind Binissalem und Plà y Llevanta. Mallorca und Italien haben eines gemeinsam: Viele Winzer - meist die besten - wollen sich partout nicht der behördlichen Kontrolle unterwerfen. Sie bauen ihre Weine nach persönlichem Gusto meisterhaft aus.
Mallorcas Paradebeispiel für individuellen Weinbau: „Ánima Negra". Die drei - zusammen knapp 100 Jahre alten - liebenswürdigen Chaoten Perre Obrador, Francesc Grimalt (Önologe) und Miquel Angel Cerda beschlossen 1994, Wein zu machen. Bei ihrem Start-up verfügten die verbürgt zahlungsschwachen Bacchus-Eleven über viel Enthusiasmus, zwei Barriques aus französischer Eiche im Gewölbe einer Finca aus dem 16. Jahrhundert und über auf Pump gekauftes Lesegut. Dabei bevorzugten sie Trauben von bis zu 100 Jahre alten Rebstöcken der fast in Vergessenheit geratenen Rebsorte Callet, aus 110 Miniparzellen mühsam selektioniert. Als ich sie vor Jahren erstmals besuchte, herrschte noch absolutes Chaos. Nur eines war vom Feinsten: der Fasskeller, der in einem Gewölbe untergebracht ist. In 20 neuen Barricas aus Limousin-Eiche blubberte der 1998er „Ánima Negra Callet". Die Fassprobe war umwerfend: am Gaumen Fruchtsäure, komplexes Bukett, Toast-Aromen, dezenter Pfefferduft, langer, von Bitterschokolade geprägter Abgang - wow! Inzwischen katapultierte das Trio Infernale den „Ánima Negra" in eine Liga, die für mallorquinische Weine bis dato „out of bounds" war. Seit jüngstem nennen sie ihren Wein „AN", denn „Ánima Negra" - übersetzt „Schwarze Seele" - war ihnen auf Dauer doch etwas zu negativ. Noblesse oblige: Das Etikett schuf Diego Arango, ein Künstler der Insel. Der neuerdings mit schöner Gleichmäßigkeit auf das Trio Infernale niederprasselnde AN-Goldregen versetzte Winzer Grimalt&Kumpane in die Lage, zehn Hektar Callet-Weingärten zu kaufen. Nunmehr wird aus eigenen und gekauften Callet-Reben vinifiziert.
Das Magazin „Alles über Wein" organisierte vor einiger Zeit in der „Krone" in Assmannshausen ein Tasting mit mallorquinischen Weinen. 19 balearische Rebsäfte wurden einer Jury vom - wie immer - kompetent-perfekten „Krone"-Team kredenzt.
Günther-Jauch-Frage: Wer hat gewonnen? Richtig, „Ánima Negra", Jahrgang 2000. Ziemlich weit vorn auch Miquel Olivers reinsortiger Merlot „Aia". Mit Schwester Pilar - die bei Huegel im Elsass hospitierte - betreibt er auf zehn Hektar ein Bilderbuch-Weingut. Die Finca San Bordils der Brüder Pedro und Ramón Coll, mit 40 Hektar eines der größten Weingüter, landete mit dem Syrah „Son Bordils" ebenfalls in der Spitzengruppe. Toni Gelaberts „Ses Hereres" platzierte sich im Mittelfeld. Der Patron malochte noch bis Mitte der 80er-Jahre am Bau, ehe er sich mit Haut und Haar dem Wein widmete. Sein Bruder Miquel Gelabert betrieb ein sehr gutes Fischrestaurant, ehe er 1999 von der Küche in den Weinkeller wechselte. Sein guter „Torrent Negra" kam lediglich - für mich unverständlich - auf Platz sechs. Mit seinem Chardonnay - er gilt als einer der besten Mallorcas - wäre er bestimmt Sieger geworden.
Last but not least: Cellar Jaume de Puntiros „Buc". Eine ordentliche Cuvée, von der Jury - nicht von mir - auf Platz zwei gehievt.
Fazit: Mallorcas Weine schon heute mit der Weltspitze vergleichen zu wollen, ist unangemessen. Aber in weiteren zehn Jahren werden einige dieser Rebensäfte auch außerhalb der Insel für Furore sorgen.
[Quelle: Welt am Sonntag - Artikel erschienen am 30. Mär 2003 ]